„Ich spüre eine große Offenheit“

WINDSBACH (9. Februar 2012) Martin Lehmann selbst ist seit dem 27. Dezember „Windsbacher“. Im Gespräch mit der Journal-Redaktion äußerte er sich positiv über die Eindrücke der ersten Wochen und sieht die Möglichkeit zum detailierten Arbeiten als Geschenk.

 
Frage: Herr Lehmann, wie haben Sie die ersten Wochen in Windsbach erlebt?    
 
Martin Lehmann: Unser Umzug am 27. Dezember 2011 verlief wunderbar, das „private Einleben“ ebenso. Ab dem 9. Januar habe ich für eine Woche insbesondere bei der Chorvorbereitung und bei der Stimmbildung hospitiert, ansonsten jede Menge Gespräche: zum Beispiel mit der Schulleitung geführt. Natürlich habe ich auch viele Interviews gegeben. Ab dem 16. Januar habe ich den normalen Probenbetrieb durchgeführt, mit Herrn Beringer ein Büro geteilt und von ihm so viele Dinge erfragt wie irgend möglich. Dabei ging es insbesondere um Probenpläne, Computerprogramme, Organisation von Konzertabläufen oder stimmbildnerische Fragen. Die gute und herzliche Zusammenarbeit war für die Choristen sichtbar und hat sicherlich auch den Choristen vermittelt, dass wir, also Karl-Friedrich Beringer und ich „miteinander können“.
Frage: Wie war der erste Arbeitstag in Windsbach? Wie wurden Sie empfangen?
 
Martin Lehmann: Na ja, ich hatte ja sozusagen mehrere erste Arbeitstage. Der 9. Januar war ganz normal und der 1. Februar auch. In diversen Einzeltreffen mit Internatsleitung, Erziehern, Eltern und Schulleitung wurde ich begrüßt und herzlich aufgenommen. Meine Proben mit dem Chor sind aus meiner Sicht gut gestartet. Natürlich ist nicht jede Probe gut gewesen, nicht jede Ansprache verstanden worden, sicher auch nicht jeder Wunsch eines jeden Choristen erfüllt worden. Aber im Großen und Ganzen sind alle Sänger offen und nach wie vor qualitätsbewusst und motiviert, das hilft mir sehr.
Frage: Was haben Sie in der ersten Chorprobe gemacht?
 
Martin Lehmann: Zunächst habe ich eine kurze Ansprache gehalten und auf die Verantwortung von uns allen für Windsbach hingewiesen, dass der Chorleiter nichts ohne die Choristen ist und andererseits, dass Internat und Chor auch ohne den Chorleiter nicht können. Dann habe ich die Projekte umrissen, Programmzusammensetzung erläutert, Aufgabenfelder für die Chorleitung und Choristen in Schule und Nachwuchs abgesteckt. Und dann: losgeprobt mit alten Meistern. „Das Blut Jesu Christi, eine Passionsmotette von Johann Michael Bach, „Fürchte dich nicht“ von Johann Christoph Bach und ein etwas moderneres Stück, nämlich „Miserere mei Deus“ von Vytautas Miskinis angefangen. Dann steht natürlich auch das Volksliedprogramm an: In der Knabenprobe haben wir „Auf einem Baum ein Kuckuck“ von Ernst Pepping und im Männerchor „Ein Jäger längs dem Weiher ging“ von Heinrich Poos gesungen.
Frage: Wie sind Ihre ersten Eindrücke und inwiefern unterschieden sie sich vielleicht von denen während der Probewoche?
 
Martin Lehmann: Ich spüre eine große Offenheit mir gegenüber und zumeist ein klares Bewusstsein der Choristen, dass wir gemeinsam eine gehörige Portion Verantwortung für den Windsbacher Knabenchor tragen. In der Bewerberwoche war ich „nur“ ein Kandidat für das Amt und alle Gespräche waren rein informativ. Nun werden die „Ärmel hochgekrempelt“ und jeder Gesprächspartner erwartet auch Lösungsansätze von mir und Eingehen auf seine individuellen Wünsche und Problemstellungen.
Frage: Wenn Sie mal Ihr Arbeiten mit den Wuppertaler Jungs und das mit den Windsbachern vergleichen – wo spüren Sie Unterschiede?
 
Martin Lehmann: Bisher habe ich insbesondere die langen Probentage von 10 bis 20 Uhr Uhr genossen, denn so viel Zeit auf Musik zu verwenden und am Detail arbeiten zu können ist ein großes Geschenk. Ich hatte das Gefühl, dass ich ebenso vital aus der Probe rausgehe, wie ich reingegangen bin. Das ist toll und spricht für den Musizierwillen des Chores. Soviel Zeit hatte ich in Wuppertal eigentlich nie für die Erarbeitung und Pflege einer Komposition. Außerdem genieße ich es, mit den Jungs ja auch einen Teil des Lebens zu verbringen, zum Beispiel gemeinsam zu essen.
Frage: Haben Sie schon Reaktionen aus dem Chor oder der Elternschaft auf Ihre Probenarbeit bekommen?
 
Martin Lehmann: Ich finde es gut, dass die Choristen weder angeströmt kommen, um mir zu sagen, dass meine Arbeit Mist ist oder total toll wäre. Jeder schaut und sortiert. Das finde ich gut! Umgekehrt bemühe ich mich ebenso um einen offenen Dialog, um Ansprechbarkeit und Kommunikation ohne mich anzubiedern. Beide Seiten – Chor und Chorleiter – brauchen insbesondere nach der Tiefe der emotionalen Bindung zum alten „Chef“ und den Abschiedswochen eine Phase der musikalischen Arbeit ohne schon ein festes Urteil haben zu müssen. Ich lerne jeden Choristen neu kennen und umgedreht halt genauso. Umso schöner, dass mir wirklich Offenheit und Leistungswillen der Chorsänger entgegenschlagen. Klar ist auch, dass sich jüngere Sänger eher leichter mit dem „Neuen“ tun, denn sie kennen den „Alten“ ja nicht so lange und gut.
Frage: Was steht denn jetzt auf dem Programm?
 
Martin Lehmann: Vertrauen schaffen, einen gemeinsamen Weg erarbeiten, der Neues nicht generell in Frage stellt und Altes nicht generell glorifiziert. Wir müssen gemeinsam akzeptieren und erleben, dass ich nicht eine Kopie oder ein Klon von Herrn Beringer sein kann und will. Trotzdem will und kann ich mit dem Chor aber arbeiten, musizieren und vielleicht dann letztlich auch Erfolg haben. Also aktuell zählt eine Verständigung in puncto Dirigat, Ansprache und Musiziervorstellung., dann die Erarbeitung einiger neuer Stücke für die geistlichen Konzerte in Deutschland, der Schweiz und für die Reise nach China.
 
Frage: Und worauf freuen Sie sich am meisten?
 
Martin Lehmann: Auf jede Minute intensiver musikalischer Arbeit mit den Jungs und Männerstimmen, auf das Gefühl mit jedem Tag ein Stück mehr von der Geschichte und dem Lebensgefühl des Windsbacher Knabenchores zu begreifen und ein Teil von Windsbach zu werden. Und auf die – hoffentlich zumeist unkomplizierte – Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern, Sängern und Elternhäusern.
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