Hier wird gerockt, gegroovt, immerzu – dab-di-du
ANSBACH. Bei Viva Voce darf man etwas, was man bei anderen, eher semiprofessionell arbeitenden A cappella-Gruppen, tunlichst lassen sollte: Zum einen ist es für sie nicht selten ein vernichtendes Urteil und außerdem regen sie sich oft ziemlich darüber auf, wenn man sie mit einer Gruppe vergleicht, die in der vokalen Populärmusik Maßstäbe gesetzt hat: den Kölner Wise Guys. Viva Voce regt sich darüber nicht auf.Im Gegenteil: Die Jungs bekennen sich gerne, dass sie sich anfangs von den Rheinländern haben inspirieren lassen, ihre Songs coverten und erst mal dem Vorbild aus Köln nacheiferten. In diesem Windschatten konnten die fünf Franken in verschiedenen Besetzungen und vor allem in Ruhe ihr eigenes Profil suchen. Und finden.
Heute nennt man Viva Voce in einem Atemzug mit den Größen der vokalen Szene – kein Wunder, ist die aktuelle Besetzung aus Basti, Jörg, David, MaTe und Heiko doch äußerst überzeugend. Die seit 2003 mittlerweile sechs erschienenen Tonträger sind allesamt hörenswert. Doch ist es auch hochinteressant, diese CDs mal ein bisschen analytisch zu hören, denn hier kann man sozusagen live dabei sein, wie eine Gruppe erwachsen wird. Mit der jüngsten Scheibe, der Weihnachts-CD „Wir schenken uns nix“, ist den Jungs aus Ansbach ihr bislang größter Wurf gelungen. Warum? Weil die drei in Windsbach geschulten Stimmen von Basti, Jörg und David perfekt mit dem frischen Tenor von MaTe und dem satten Bass von Heiko harmonieren und das geschafft haben, worauf sie seit Anfang hingearbeitet haben: etwas Unverwechselbares und Eigenständiges, von frischer und doch eleganter Homogenität. Fazit: Das Covern wird immer mehr zum Hobby und die eigene Kreativität tritt immer mehr in den Vordergrund.
Doch wie fing das eigentlich alles an? Es war ein „typisches Knabenchorprodukt“, ein klassisches Männerstimmen-Quartett, dem der Zufall zu einem „warmen Essen und einem Taschengeld“ verhalf, wie sich die Gründungsmitglieder grinsend erinnern, als man sich im Vorfeld eines Auftritts in Mannheim trifft: Im Chorbüro klingelte 2000 [?] das Telefon und man fragte, ob der Chor nicht ein paar Sänger für einen 80. Geburtstag „irgendwo bei Ansbach“ ausleihen könne. Für Basti, David, Thomas und Matthias (Lutze, der heute erfolgreich die klassische Sängerlaufbahn eingeschlagen hat) folgten neben Schule und Knabenchor Auftritte aus Hochzeiten, Geburtstagen und Beerdigungen, wo man natürlich ein anderes Repertoire pflegte, als man es heute von Viva Voce gewohnt ist…
Nachdem man die Wise Guys kennengelernt hatte, komplettierte Jörg das Quintett. Der „Durchbruch“ kam, als man bei einem Golf-Turnier von „Kaiser“ Franz Beckenbauer gesungen hatte und dort dem damaligen Presse-Sprecher von Quelle auffiel, der die Gruppe einerseits als vokale Beigabe der aktuellen Katalog-Präsentation in Baden-Baden, Leipzig und Hamburg engagierte und andererseits meinte: „Mir gefällt alles, aber eines fehlt: eine CD.“ Quelle sponserte also den ersten Tonträger. Und Viva Voce ist noch immer am Markt.Thomas Schimm, der mittlerweile von der Bühne ins Management der Gruppe gewechselt ist, sagt heute: „Wir waren damals sehr naiv und haben einfach dran geglaubt, dass das klappt.“ Daran, dass die ganze Sache auch grandios hätte scheitern können, dachte damals keiner. Auch die Eltern nicht, die man ja erst mal davon überzeugen musste, dass ein, zwei Urlaubssemester drin sein müssten, um zu probieren, ob man auch mit dieser Bühnenpräsenz sein Geld verdienen könnte. Mittlerweile leben von Viva Voce nicht nur die fünf Sänger, sondern auch ein Organisator sowie zwei Bürokräfte: Etwa 150 Auftritte stehen im Jahr auf dem Programm der Gruppe, die in der Ansbacher Altstadt Quartier bezogen hat. Hier wird geprobt, hier stehen die Kartons mit dem Merchandising, hier lagern die CDs, zeugen Konzertplakate von erfolgreichen Auftritten und in einer eigens aufgestellten, schalldichten Kammer spielt Viva Voce auch schon mal Werbe-Jingles für den Rundfunk ein.
Nostalgische Gefühle erwachen bei Thomas Schimm, wenn er vom „Stützpunkt in Fürth“ erzählt, einer Art Studenten-WG, den sich Viva Voce 2003 anmietete, als das Ganze begann, immer professionellere Züge zu bekommen: „Mit zwei Stockbetten und einem Wohnzimmer.“ Heute wohnen alle Sänger in Ansbach. Und das müssen sie auch: Die zahlreichen Verpflichtungen, größtenteils Konzerte, Firmen-Galas und öffentliche Auftritte wie jüngst beim Jugendkirchentag in Mainz verlangen eine Art Family-Business, in dem sich die fünf Freunde aber pudelwohl fühlen. Drei bis vier Tage in der Woche verbringt man gemeinsam.
Vielleicht erscheint es den Sängern ja ein bisschen konservativ, wenn man danach fragt, was die einzelnen denn gelernt haben? Jörg und David sind vordiplomierte Konzertsänger, Basti Schreiner und Heiko Diplomtechnikredakteur. Einzig MaTe, der Benjamin der Gruppe, ist gleich nach der Schule auf die Bühne gesprungen: „Er hat Abitur und Führerschein“, feixen die „alten Hasen“.
MaTe ist das „Ergebnis“ eines richtigen Castings, das um einiges ernsthafter durchgeführt wurde als die telegene „Talentsuche“ eines Herrn Bohlen. Inseriert hatte man in Musikzeitschriften, an Musikhochschulen und durfte letztendlich aus 25 von 100 Bewerbern in Ansbach denjenigen heraushören, der stimmlich und menschlich am besten zur Gruppe passen sollte. Die Wahl fiel auf MaTe (der mit bürgerlichem Namen Mateusz Phoutavong heißt) mitunter deswegen, weil er eben kein Windsbacher ist, auch wenn er hier zur Schule gegangen ist. Auch Heiko Benjes ist kein ehemaliger „Knabe“. Dass er sich selbst nicht als bekennenden Sänger sieht, ist sympathisches Understatement, denn seine stimmlichen Vibes offenbaren einen eklatanten Mangel der Gruppe, den sie übrigens mit den Wise Guys teilt: Der Bass hat viel zu wenig Solos…Ansonsten pflegt Viva Voce durchaus seinen eigenen Stil. Und der hat einiges mit dem zu tun, was sie in Windsbach gelernt haben, auch wenn Viva Voce im Opener-Song „Hallo Leute“ sein Publikum selbstironisch dazu aufruft „nicht wie im Knabenchor-Konzert herumzusitzen“. „Du weißt, dass es miteinander funktioniert“, weiß David. Wobei man sich bewusst vom Chorgesang gelöst hat – ein langer Prozess: „Ensemble-Gesang, wie wir ihn machen, ist etwas ganz anderes“, sagt Jörg und bekennt: „Auf der Bühne denke ich weniger an das Singen in Windsbach. Allerdings profitieren wir natürlich davon, dass wir uns auf der Bühne blind verstehen, was wir ja früher gelernt haben.“ Zu spüren sei der „Windsbacher Geist“ eher abseits der Bühne während der Probenarbeit: Vor allem der Drang nach Perfektion, die Genauigkeit und die Liebe zum Detail, die Disziplin sind spürbar – bei der Vorbereitung und beim „fertigen Produkt“.
Wie arbeiten eigentlich MaTe und Heiko mit diesen „Knaben“ zusammen? „Man merkt Basti, Jörg und David ihre Herkunft ganz extrem an“, sagt der Bass und spricht einen „gefühlten Windsbach-Schalter“ an: „Der legt sich in gewissen Situationen um und macht aus meinen Freunden und Kollegen ganz andere Menschen!“ Am Anfang, als Heiko noch der einzige ohne Knabenchor-Hintergrund war, war das für ihn manchmal „richtig gespenstisch: Manchmal kommt es vor, dass ein Psalm angebracht bist, wenn sie die Akustik einer Kirche checken oder auf einer Hochzeit, einer Beerdigung singen. Dann erlebe ich, wie die Kollegen, deren Gesang ich ja wirklich gut kenne, plötzlich ganz anders stehen, anders intonieren, anders klingen und auch anders aussehen – und das mit dieser mühelosen Perfektion, einer schlafwandlerischen Sicherheit: Wahnsinn! Es ist unglaublich, wie viel Repertoire auf ein Fingerschnipsen sofort abrufbar ist, ohne dass sie groß kommunizieren müssen.“
Heiko hatte übrigens die Windsbacher schon zuvor kennengelernt – ausgerechnet in Finnland, wo der gebürtige Saarländer mit seinen Eltern 1989 während der Ferien ein Konzert des Knabenchores hörte: „Damals war ich im Alter der Knabenstimmen und heftig beeindruckt davon, was meine Altersgenossen da geleistet haben!“Heute sind Basti, Jörg und David dem Windsbacher Konzertanzug entwachsen – klanglich, intonatorisch und stilistisch sowieso: „Man wird immer freier“, sagt Jörg. Das Ensemble ist poppig, groovig und vom Ansatz mit seiner Mischung aus guten Covers und originellen eigenen Liedern breiter aufgestellt als andere A cappella-Boybands. „Wir sind anders genug“, ist der Tenor der fünf Jungs, auch wenn sie freundschaftlichen Kontakt zu den Kölner Kollegen pflegen: 2002 holte man sich in der Domstadt Tipps bei der ersten CD-Produktion und 2005 bewohnte man während des Kirchentags in Hannover das gleiche Hotel, wo man zusammen bis in den frühen Morgen die Lobby vokal beschallte. Und wollte man es den Bamberger Symphonikern wirklich übel nehmen, weil sie wie die Berliner Philharmoniker Sinfonien von Beethoven oder Mahler spielen?
Das wachsende Publikum aller Altersklassen ist auf jeden Fall begeistert von der Bühnenpräsenz der fünf Jungs aus Mittelfranken, die ihrer Heimat mit dem Song „Fräggae“ bereits ein klingendes Denkmal gesetzt haben. Doch was ist es, was sie selbst motiviert, immer weiter am eigenen Stil und Sound zu arbeiten? Für Basti bedeutet Viva Voce „ganz viel Spaß am gemeinsamen Singen und Musizieren – und das auf der Bühne“. Jörg, die geniale Beat-Machine, fasziniert der Weg zur Popmusik als Kunstform: „Wir sind nahbar.“ Für MaTe ist „der A cappella-Gesang das reine Musizieren, einfach direkt“. Heiko, den die damalige Viva-Voce-Besetzung eher zufällig auf einer Party kennenlernte, als man gerade auf der Suche nach einem neuen Bass war, freute sich über „die unerwartete Chance, meine Lieblingsmusik zu machen. Da ist für jeden was dabei; unsere Shows sind altersübergreifend, das ist Familiy-Entertainment.“ Und David sagt kurz und knapp: „Es lebe die Stimme!“
Wer ein Konzert von Viva Voce besucht, kann erleben, wie die fünf Jungs diese Zitate in Musik umsetzen – selbstverständlich „Alles mit dem Mund“, wie ein Song ihres Albums „Singsucht“ heißt. Aktuelle Termine finden sich im Internet unter www.viva-voce.de: Denn da wird gerockt, gegroovt, immerzu – dab-di-du!
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