17 Uhr: Chorprobe!
WINDSBACH (8. Februar 2012). „Ralalalala!“ Auch unter der Leitung von Martin Lehmann beginnt die Chorprobe des Windsbacher Knabenchores mit Stimmbildung. Und wie sein Vorgänger ist auch der Nachfolger selten so richtig mit dem zufrieden, was er da hört. Wer befürchtete, nach Karl-Friedrich Beringer würde weniger gefordert, kann beruhigt sein: Lehmann hört genauso hin und ist ein strenger Richter, wenn der Chor singt und die Intonation sinkt.
Die Jungs sitzen mit durchgedrücktem Kreuz auf der Stuhlkante und sind mit ihren Augen beim Chorleiter – und er bei Ihnen. Die Kommunikation ist intensiv. Das muss sein, denn Martin Lehmann steht vor der Herkulesaufgabe, einerseits das hohe Niveau der Windsbacher zu halten, ihnen andererseits aber auch eine neue Handschrift beizubringen: seine Handschrift.
Auf dem Programm der Probe stehen mehrere Stücke. Nicht alle werden angesungen, denn womit andere Dirigenten zufrieden sind, ist hier noch lange nicht gut. Lehmann lässt nichts durchgehen, probt eine unsichere Stelle so lange, bis sie seinen Vorstellungen am nächsten kommt. Immer wieder klatscht er laut in die Hände: Abbruch! „Der Sopran ist mir noch zu luftig.“ Also noch mal von vorn, Wochenlied, EKG-Nr. 61: „Wenn meine Sünd‘ mich kränken“. Erst auf Tonsilbe um ein Gefühl für den Klang zu kriegen, dann mit Text.
Lehmann fordert volle Aufmerksamkeit, geht auf den Chor zu. Mit fließenden Bewegungen dirigiert er, formt den Ton, spricht den Text, moduliert den Klang mit seinen Händen. Das Dirigat ähnelt dem des Vorgängers, ohne es kopieren zu wollen. Was nicht von Nachteil ist, denn die Knaben- und Männerstimmen müssen sich zwar auf einen neuen Chorleiter einstellen, nicht jedoch auf ein völlig anderes Arbeiten.
Es ist etwas ruhiger in der Probe, wenn auch nicht seitens der Choristen: „Münder schließen und nicht für sich selbst singen“, mahnt Lehmann mehr Konzentration an. Und dann nochmal: „Wenn meine Sünd‘ mich kränken“. Phrasen werden betont, um im Endergebnis mehr Homogenität zu erreichen: „Übertreibt ruhig mal.“ Aber auch in einem einfachen, vierstimmigen Choralsatz überlässt der Dirigent nichts dem Zufall: „Von unten angesungene Töne zählen nicht.“
Dann kommt „Das Blut Christi“, eine siebenstimmige Motette von Bach-Sohn Johann Michael Bach. Auch beim neuen Stück ertönt das alte Lied: Mit Argusohren spürt der Chorleiter unsauberer Intonation und falschen Absprachen nach. Zum Korrigieren lässt Lehmann einzelne Choristen solo oder auch im Duett singen, berichtigt freundlich, aber bestimmt. Die Namen kennt er mittlerweile alle und hat auch schon zu jeder Stimme ein paar Notizen im Hinterkopf.
Aufmunternd ruft er: „Kommt, das schaffen wir jetzt!“ Und er spart nicht mit Kritik: „Das wirkt so, als wenn ihr vom Blatt singt.“ Ungeachtet der Tatsache, dass jeder durchschnittliche Chorleiter froh wäre, wenn seine Choristen so vom Blatt singen könnten, weiß Lehmann, dass hier eben kein Durchschnitt gefragt ist. Um das einmal erreichte Niveau zu halten, ist in jeder Probe Kernerarbeit von Nöten. Aber hierzu ist er ja angetreten.
„Ich weiß, dass das jetzt nicht beim ersten Mal klappt“, sagt Lehmann beim nächsten Stück, der Motette „Singet dem Herrn“ von Johann Pachelbel. Auch hier ist er ganz beim Chor, steht in der ersten Reihe zwischen den Sopranen, um dem Bass zu erklären, dass der jetzt mal bitte fünf Jahre älter klingen müsse. Lehmann fragt den Sopran, welche Silben betont werden müssen: Während des Singens sollen die Finger an der entsprechenden Stelle nach oben gehen.
Eben singt noch ein Knabe allein vor, da klatscht Lehmann in die Hände: „Tutti, los geht’s!“ Nicht erst in dieser „Hallo-wach-Sekunde“ wird jedem klar, dass er aufpassen muss. Was natürlich ausschließt, sich mit seinem Nachbarn zu unterhalten: „Leute, ich kann so nicht weitermachen; wenn Ihr jetzt alle reden wollt, gehe ich nach Hause“, fordert Lehmann Disziplin. Kleine Drohungen erhalten die Qualität und dann geht es doch: Die Augen der jungen Sänger leuchten, es klingt schon besser!
Der Dirigent weiß nach den ersten Wochen langsam, wie er „seinen“ Chor zu nehmen hat. Und der folgt ihm dann ja doch. Der typische „Windsbacher Klang“ ist auch weiterhin zu hören, denn Lehmann macht es wie sein Vorgänger: Fordern und fördern, erklären, nachfassen. Auch er lässt den Jungs nichts durchgehen. Und das ist doch schon mal ein gutes Zeichen…
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